Noch immer kursieren jede Menge Gerüchte und Vorurteile rund um das Thema Erdgas. Wir haben uns den VW Golf und den VW Polo als Erdgas-Version geschnappt und sind der Sache auf den Grund gegangen.

In der vorherrschenden Diskussion um die Zukunft der Mobilität rücken Erdgas-Pkw jetzt immer mehr ins Blickfeld. Der VW-Konzern trägt diesem Trend Rechnung und bietet eine stattliche Anzahl an CNG-betriebenen Fahrzeugen an. Zudem wurde Anfang 2019 die gesamte Palette umfassend modernisiert. So verfügen jetzt der VW Polo TGI und sein großer Bruder, der Golf TGI über drei Erdgastanks. Dadurch erhöhten sich die Reichweiten im reinen CNG-Betrieb beim Polo TGI auf knapp 370 Kilometern (WLTP) bzw. auf bis zu 420 Kilometer beim Golf. Die deutlich verkleinerten Benzintanks dienen nur mehr als eiserne Reserve.

Nichts desto trotz gibt’s noch jede Menge Unwissenheit und Vorurteile im Volk, wenn es um das Thema Erdgas-Auto geht, wir haben uns alle Theorien Punkt für Punkt angeschaut und versucht, sie anhand unserer Testautos VW Polo und Golf TGI zu beleuchten:


Vorurteil Nummer 1: CNG-Autos sind langweilig

Man muss schon sehr genau hinsehen, um überhaupt einen Unterschied zu den „normalen“ Polo- und Golf-Derivaten zu erkennen. Beim VW Polo und Golf gibt eigentlich äußerlich nur der TGI-Schriftzug den Antrieb zu erkennen. Beide Fahrzeuge können nach Belieben mit Extras oder Ausstattungspaketen aufgepimpt werden. In unserem Fall war das beim VW Polo das sportliche R-Line Paket, welches den Kleinwagen dank großen Alus und frecher Spoilerlippe auf der Heckklappe fast wie einen GTI dastehen lässt. Dass unter der Haube nur 90 saubere Erdgas-PS werken, sieht man ihm wirklich nicht an. Der Golf Testwagen wiederum, wurde uns als Rabbit-Sondermodell geliefert und war zudem mit zahlreichen Optionen ausgestattet – die feinen Alcantara-Komfortsitze, Navi und LED-Highend-Beleuchtung seien hier beispielhaft erwähnt. Ab Herbst 2020 wird es den VW Golf TGI übrigens auch in der neuen Generation 8 geben.

Innen bekommt man übrigens schon etwas mehr vom Erdgas-Antrieb mit. Im Kombiinstrument wird zum Beispiel angezeigt, wenn das Fahrzeug im CNG-Modus unterwegs ist. Zudem sind getrennte Kraftstoffanzeigen für die Gastanks und den Benzin-Reservetank vorhanden. Ist der CNG-Tank leer, schaltet das Auto automatisch auf Benzin als Reservekraftstoff um – ohne dass der Fahrer etwas davon mitbekommt.

Vorurteil Nummer 2: CNG-Autos sind lahm

In puncto Leistung und Fahrdynamik stehen die getesteten VW-Modelle ihren rein benzinbetriebenen Modellgeschwistern nicht nach. Sowohl der 90 PS starke Polo als auch der 130 PS leistende VW Golf TGI haben uns im Test leistungstechnisch nicht enttäuscht. Sicher, man darf sich keine GTIs erwarten, aber sogar der kleine, lustig knurrende Dreizylinder im Polo macht so richtig Laune. Die 130 Pferde im Golf sind sowieso über jeden Zweifel erhaben. Man darf halt nicht vergessen, dass man bei diesen beiden Modellen einfach super-ausgereifte und fast schon perfekt fahrende Automobile erhält. Da ist es egal, was unter der Haube werkt. Sehr gut gefallen hat uns übrigens das Sieben-Gang-DSG im Golf TGI – hier schaltet dieses Getriebe butterweich und ohne Anfahrschwäche.

Vorurteil Nummer 3: CNG-Autos explodieren leicht und dürfen nicht in die Tiefgarage.

CNG ist – entgegen manch unbegründeter Befürchtung – eine sichere Sache. Die CNG Gastanks werden nach den höchsten Branchenstandards konstruiert, produziert und zertifiziert. Außerdem sind sie, genau wie die TGI-Kraftstoffpumpen, mit einem Sicherheitsventil ausgestattet, das im höchst unwahrscheinlichen Fall eines technischen Problems dafür sorgt, dass das Gas auf kontrollierte Weise an die Außenluft abgegeben wird. Die Mär, dass Erdgas-Autos nicht in Tiefgaragen parken dürfen stimmt definitiv nicht.

Alle Bauteile des Gastanks sind darauf ausgelegt, extremen Bedingungen standzuhalten. So herrscht im Tank im Alltagsbetrieb maximal ein Druck von etwa 200 bar, zugelassen ist er mit bis zu 600 bar jedoch für die dreifache Belastung. Dass winterliche Temperaturen CNG etwas anhaben können, ist ebenfalls ein Mythos: Nach den Gesetzen der Physik müsste die Außentemperatur schon unter -160 Grad Celsius fallen, damit sich das CNG im Tank verflüssigt.

Vorurteil Nummer 4: CNG-Autos benötigen mehr Wartung

In ihrer mechanischen Funktion unterscheiden sich CNG-Fahrzeuge nicht von konventionell motorisierten Modellen. Auch Zündkerzen oder Filter müssen nicht häufiger ausgetauscht werden als bei einem Ottomotor, wie manchmal fälschlicherweise behauptet wird. Der einzige Unterschied ist, dass die Dichtheit der Gasanlage vor jeder Pickerl-Untersuchung geprüft werden muss. Unterm Strich haben CNG-Fahrzeuge – etwa im Vergleich zu Plug-in-Hybridfahrzeugen – viel niedrigere Betriebskosten, weil sie mit einem einzigen Motor auskommen, der auf beide Kraftstoffarten ausgelegt ist.

Vorurteil Nummer 5: CNG ist nicht flächendeckend verfügbar

Bereits heute ist die nächste CNG-Tankstelle – anders als etwa beim Wasserstoff – nicht weit. Aktuell gibt es rund 160 Erdgas-Tankstellen in Österreich. Mit ein wenig Vorausplanung wird man also nie irgendwo liegenbleiben. Wer seine Urlaubsreise ebenfalls mit dem Erdgas-Auto plant, sollte sich die Gegebenheiten im Ausland vorher im Internet ansehen.

Vorurteil Nummer 6: CNG-Tanken ist kompliziert

Jeder der Benzin oder Diesel tanken kann, kann auch CNG tanken. Einziger Unterschied: Man muss zum Starten des Tankvorgangs den grünen Knopf drücken. Nach rund drei Minuten sind die Tanks voll und man darf sich über die niedrige Gasrechnung freuen.

Vorurteil Nummer 7: CNG-Autos sind deutlich teurer

CNG-Fahrzeuge werden in derselben Preiskategorie wie Diesel- und Benzinfahrzeuge verkauft. Nach dem Kauf sind die Betriebskosten besonders niedrig: Das liegt vor allem daran, dass CNG aufgrund seines höheren Energiegehalts effizienter verbrennt als herkömmliche Kraftstoffe. Da CNG kein Erdölderivat ist, bleibt es zudem vor unvorhersehbaren Ölpreisschwankungen geschützt. In der Praxis sind Einsparungen von 30 Prozent im Vergleich zum Diesel und 55 Prozent im Vergleich zum Benzinbetrieb möglich.

Der VW Polo TGI ist ab EUR 21.290,- erhältlich.
Der VW Golf TGI ist in der Generation 7 derzeit nicht mehr offiziell erhältlich – die Generation 8 gibt’s dann ab Herbst 2020.