Geht es um die Opfer, die in Deutschland von vermeintlich viel zu hohem Stickstoffdioxid-Gehalt in der Atemluft dahingerafft werden, befand sich die Contra-Diesel-Fraktion bis vor Kurzem auf Rekordjagd: Einer versuchte den anderen mit immer schlimmeren Schreckensbilanzen auszustechen.

Über 100.000 Lebensjahre würden laut Jürgen Resch von der berühmt-berüchtigten Deutschen Umwelthilfe (DUH) jährlich verloren gehen, 12.000 vorzeitig pro Jahr durch erhöhte NO2-Werte in der Luft sterbende Menschen mutmaßte der BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland).

Etwas zurückhaltender gibt sich das Münchner Helmholtz-Institut, das im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) in Dessau Berechnungen anstellte. Dessen Direktorin Annette Peters behauptete kürzlich: „Unsere Studie hat ausgerechnet, dass es 2014 ungefähr 6.000 Todesfälle in Gesamtdeutschland waren oder ungefähr 50.000 Lebensjahre, die in der Gesamtbevölkerung verloren gingen.

Unsinn“, sagt dazu ein Mathematiker, der das Vorgehen des Instituts für unwissenschaftlich hält. Dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Rechenkünstler, sondern um Prof. Peter Morfeld, habilitierter Epidemiologie und Mathematiker von der Ruhr-Universität Bochum. „In diesem Report wird eine Formel verwendet, die falsch ist“, sagt Professor Morfeld. „Wir können diesen Daten nicht trauen.

Im Interview mit dem ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ warf der Wissenschaftler jetzt dem Helmholtz-Institut vor, eine in der Mathematik gebräuchliche Formel, die sogenannte AF-Formel (Attributale Fraktion), falsch angewendet zu haben. Für eine Errechnung vorzeitiger Todesfälle fehle die notwendige Datengrundlage. Um vorzeitige Todesfälle durch Stickstoffdioxid bestimmen zu können, müsse jeder Person, die beurteilt werden soll, ein statistischer Zwilling mit genau derselben Lebensweise zugeordnet werden. Es dürfe nur einen Unterschied geben: die Belastung durch NO2. „Wenn wir solche Daten nicht zur Verfügung haben, können wir den Begriff der vorzeitigen Todesfälle nicht sinnvoll verwenden. Und solche Daten gibt es in der Epidemiologie nicht.“ Wenn man aber weiß, dass die NOX-Werte seit 30 Jahren rückläufig sind und andererseits die Lebenserwartung in Deutschland ständig steigt, dann reicht auch der gesunde Menschenverstand ohne höhere Mathematik, um die Daten in Zweifel zu ziehen.

Das Umweltbundesamt will die Anwendung der Formel nun überprüfen. Die Frage sei dabei nicht, ob sie falsch oder richtig sei. Bezweifelt werde lediglich, ob sie auch für die Ableitung vorzeitiger Todesfälle verwendbar sei. „Es gibt tatsächlich keinen NO2-Toten oder NO2-Erkrankten, weil diese singuläre Verursachung durch diesen einen Schadstoff nicht beobachtbar ist“, sagt Wolfgang Straff, UBA-Experte für Gesundheitsvorsorge.

Weil er sich mit seiner Kritik bei Diskussion um NOX-Grenzwerte und Dieselfahrverbote zu Wort gemeldet hatte, warf Mathematiker Peter Morfeld auch einen Blick auf die Thesen von Prof. Dieter Köhler und 130 Lungenfachärzten zum gleichen Thema. Die Gruppe hatte Grenzwerte von Stickstoffdioxid und deren Schädlichkeit in geringen Dosen für unhaltbar erklärt, in ihren Ausführungen war ihnen allerdings ein Rechenfehler unterlaufen. Köhler, dem früheren Chef der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, hatte bei der Berechnung von Feinstaubbelastungen von Rauchern geirrt. Morfeld dazu: „Die eigentliche Logik der gesamten Argumentation wird dadurch nicht betroffen.“

Quelle: ampnet/hrr