Die grassierende Dieselkrise schlägt immer höhere Wellen. Wie BMW mit dieser Situation umgeht, wie sich diese Entwicklung auf das BMW Motorenwerk Steyr auswirkt und ob der Diesel eine Zukunft hat – wir haben bei BMW nachgefragt.

Welche Dieselmotoren werden im BMW Werk in Steyr derzeit produziert?

Das Werk Steyr ist das weltgrößte Motorenwerk der BMW Group und das konzernweite Dieselmotoren-Entwicklungszentrum. 2018 wurden über 1,2 Mio. Motoren produziert, davon 51,2 % Dieselmotoren und 48,8 % Benzinmotoren. Aktuell laufen 3-, 4- und 6-Zylinder Dieselmotoren sowie 3-, 4- und 6-Zylinder Benzinmotoren für die Fahrzeuge der Marken BMW und MINI von den Bändern. (3-, 4- und 6-Zylinder Dieselmotoren für BMW sowie 3- und 4-Zylinder Dieselmotoren für MINI) Aktuell ist in beinahe jedem zweiten weltweit verkauften Fahrzeug der BMW Group ein Motor aus Steyr verbaut. Zusätzlich werden in der Mechanischen Fertigung am Standort Steyr – dem konzernweiten Kompetenzzentrum für Motorenkomponenten – jährlich rund 12,4 Millionen Kurbelgehäuse, Kurbelwellen, Zylinderköpfe und Pleuel gefertigt. Das sind 80 Prozent aller Kernkomponenten der BMW Group.

Auslaufmodell oder Weiterentwicklung? Wie geht die BMW Group grundsätzlich mit dem Dieselantrieb um? Auch wenn es in Sachen „Dieselkrise“ in Österreich derzeit noch nicht so heiß hergeht wie in Deutschland, so ist es dennoch für Viele hierzulande ein eher verstörendes Thema – wie sieht für Sie die Zukunft des Motorenwerks in Steyr mittelfristig aus? Man liest ja schon von Produktionskürzungen in den Medien.

Wir wollen in Zukunft weder schlecht ausgelastete Werke, noch wollen wir einen möglichen Boom von Elektrofahrzeugen oder den Wiederaufschwung des Dieselmotors verpassen. Deshalb stellen wir uns in unserem Produktionsnetzwerk und auch im Werk Steyr auf maximale Flexibilität und schnelle Reaktionsfähigkeit ein. Dabei helfen uns unsere drei Dinge:

  1. Unsere Baukastensysteme für Fahrzeuge und Antriebe
    Unsere Fahrzeuge werden so entwickelt, dass sie mit allen Antriebsarten gebaut werden können: Mit Verbrennungsmotor, als Plug-in Hybrid oder rein elektrisch. Auch unsere Montagebänder funktionieren nach demselben Prinzip: Wir können heute im Baukasten-System Benzin- und Dieselmotoren, oder auch Heck-, Front- und Allradantriebe flexibel auf einer Linie produzieren.
  2. Unsere flexible Produktions- und Personalplanung
    Wir passen unsere Planung im Produktionsnetzwerk flexibel an die Bedürfnisse des Marktes an. Alleine in Steyr betreiben wir 24 Montage- und Fertigungslinien, für die wir monatlich eine Belegungs- und Schichtplanung abhängig vom aktuellen Produktionsprogramm erstellen. Als global agierendes Produktionsunternehmen sind wir dabei auf den Einsatz von Zeitarbeitskräften angewiesen, um flexibel auf Produktionsspitzen reagieren und im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Veränderungen im Produktionsprogramm bringen regelmäßig auch Schichtumstellungen mit sich. So wie erst kürzlich von einem Drei- auf einen Zweischichtbetrieb bei einem dieser Montagebänder. Wir fahren noch gleich viele Einheiten Dieselmotoren wie vor der Umstellung auf diesem Band, können es aber im Zweischicht-Betrieb momentan effizienter betreiben. Damit verbunden kam es  zu einer Korrektur bei der Beschäftigungsanzahl der Zeitarbeitskräfte im zweistelligen Bereich. Das entspricht nicht einmal zwei Prozent unserer Gesamtbelegschaft! Um die Relation zu verdeutlichen: Wir haben in den letzten drei Jahren etwa 770 neue Mitarbeiter eingestellt und beschäftigten zum Stichtag 31. 12. 2018 rund 4.650 Mitarbeiter in unserem Werk – so viele wie nie zuvor. Im Gegensatz zur teilweise stark akzentuierten Berichterstattung der letzten Wochen stellen die aktuellen Veränderungen also weder eine außergewöhnliche Maßnahme dar, noch lassen sich daraus Rückschlüsse auf unsere wirtschaftliche Situation ableiten!
  3. Unser weltweites Produktionssystem mit 30 Standorten
    Innerhalb dieser Standorte sind wir in der Lage, Volumen binnen kurzer Zeit zu verlagern und flexibel auf Änderungen des Marktes zu reagieren. An sieben Standorten produzieren wir Motoren. An sechs Standorten Komponenten für Elektromobilität. In Steyr machen wir beides. Und entwickeln unsere Kompetenz bei der Entwicklung und Industrialisierung von Antriebssystemen laufend weiter. Wir stellen uns auf weiteres Wachstum beim Verbrenner ein und setzen parallel auf konsequente Elektrifizierung unseres Portfolios: Wir bauen in Steyr in 2019 um 74 Mio. Euro ein neues Montageband für Benzinmotoren auf. Rund 260 Mitarbeiter werden hier beschäftigt sein.Wir sind uns aber auch sicher: Der Diesel hat Zukunft. Daher entwickeln wir unsere Dieselantriebe weiter. 2020 kommt die nächste Generation in Steyr an den Start, die weitere 4-5 % Ersparnis beim Verbrauch und damit auch weniger CO2-Emissionen bringen wird. Ein 48 Volt-System sorgt für zusätzliche Verbesserungen. Ich sage Ihnen ganz klar: Im Diesel liegt noch viel Potential im Hinblick auf künftige EU-Klimaziele. Ein EU6-Norm Diesel verbraucht schon heute bis zu 25 % weniger Kraftstoff und emittiert damit gut 15 % weniger CO2 als ein vergleichbarer Benziner. Die CO2-Emission unserer europäischen Flotte haben wir insbesondere auch dank unserer modernen Dieselfahrzeuge seit 1995 bereits um 42 % gesenkt. Die aktuell in Westeuropa vorherrschende Kaufzurückhaltung beim Diesel wirkt diesem positiven Trend allerdings entgegen. Durch die meist wenig faktenbasierte Kundenverunsicherung liegt das Flottenalter im Fahrzeugbestand in Westeuropa aktuell zwei Jahre über dem langjährigen Durchschnitt. Dabei ist gerade die beschleunigte Flottenerneuerung durch moderne emissionsarme Benzin- und Diesel-PKW die einzige kurzfristig verfügbare Maßnahme mit Breitenwirkung in Hinblick auf die Klimaziele.

    Wir entwickeln und produzieren am Standort aber auch hochkomplexe Komponenten für Elektromobilität. Im Herbst 2018 haben wir im Werk Steyr den Aufbau einer Fertigungslinie für Elektroantriebs-Gehäuse gestartet. Bis 2021 werden wir die Kapazität auf 460.000 Einheiten pro Jahr steigern. Diese Gehäuse fertigen wir exklusiv in Steyr – sie werden in den kommenden Elektrofahrzeugen der BMW Group verbaut. Die ersten Bauteile haben bereits letzte Woche das Werk verlassen. In unserem Entwicklungszentrum beschäftigen wir uns nicht nur mit der Weiterentwicklung unserer Verbrennungsmotoren, sondern auch mit der Konstruktion komplexer E-Mobility-Komponenten. Daneben werden auch die Kühlkreisläufe für die kommenden batterieelektrischen Fahrzeuge in Steyr entworfen und entwickelt (das heißt, auch erprobt und abgesichert). Seit Werksgründung vor 40 Jahren wurden bereits 7,1 Mrd. Euro am Standort Steyr investiert. Alleine in 2018 waren es 308 Millionen Euro. Sie sehen: Wir sind in allen Bereichen unseres Werks bestens aufgestellt und haben die nötige Flexibilität, um die Zukunft des Antriebs aktiv mitzugestalten.

Christoph Schröder, Geschäftsführer BMW Group Motorenwerk Steyr:

„Wie genau die Zukunft der Mobilität aussehen wird, lässt sich nur schwer prognostizieren. Wir wissen aber eines: Um langfristig erfolgreich zu sein, braucht es sowohl die Weiterentwicklung unserer Verbrennungsantriebe als auch die Erweiterung unseres Angebots an elektrifizierten Modellen. Wir setzen auf beide Technologien in großem Maßstab“

Stirbt der Dieselmotor bei den kleinen Fahrzeugklassen (Stichwort MINI)?

Generell werden alle Motor-Projekte laufend bezüglich ihrer Kundenakzeptanz, Kundenrelevanz, Produkteigenschaften, Qualitätskennzahlen, Profitabilität sowie Integrierbarkeit in künftige Fahrzeugarchitekturen überprüft. Das trifft auf den 3-Zylinder-Dieselmotor wie auch auf alle anderen Motoren zu. Unsere Position zum 3-Zylinder-Dieselmotor bleibt nach wie vor unverändert.

Wie hoch ist der Dieselanteil derzeit bei den verkauften Fahrzeugen (AT und DE) und welche Höhe prognostizieren Sie für das Jahr 2025?

Im Jahr 2018 betrug der Dieselanteil der BMW Group Fahrzeuge in Österreich 65,3 % und in Deutschland 46,9 %. Bitte um Verständnis, dass wir seitens der BMW Group keine Prognose für 2025 erstellen. Es gibt aber unabhängige Prognosen zur Einschätzung der Entwicklung der verschiedenen Antriebsarten, z.B. gehen jüngste IHS Prognosen davon aus, dass der weltweite Fahrzeugmarkt weiter wachsen wird – und sich in 2025 im Bereich von 100 Mio. Einheiten bewegen wird. Das Premiumsegment soll dann 10,9 Mio. Einheiten ausmachen. Wie schnell sich die Elektromobilität in den einzelnen Märkten entwickeln wird, ist ungewiss. Für 2025 schätzen wir, dass zwischen 15 % und 25 % unserer Fahrzeuge weltweit elektrifiziert sein werden. Auch das Verhältnis Hybrid- zu rein elektrischen Fahrzeugen entwickelt sich in den Märkten volatil und sehr unterschiedlich. Zusätzlich wächst der Markt für Verbrennungsmotoren weiterhin. Die Dieseldiskussion findet nach wie vor „nur“ in Westeuropa statt und lässt andere, für uns wichtige Märkte wie Asien mit dem wichtigsten Einzelmarkt China oder die NAFTA-Region unberührt.